Satire

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Klimawandel im Mai

Satire von Klaus Britting

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. Stimmt nicht! Die Bäume haben längst ausgeschlagen. Genauso wie die Wirtschaft, die in einigen Bereichen nimmt, was sie nur kriegen kann. Lungerten noch vor wenigen Jahren Ingenieure als Musikanten auf den Straßen herum, so wird heute jeder in Arbeit genommen, der Ingenieur fehlerfrei schreiben kann. Und sogar Jungkaufleute, deren Rechenleistung so schwach ist, dass sie auf keine Pisa-Liste mehr geht, dürfen im Mai Hoffnung schöpfen, sofern sie nur eifrig üben: „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“. Allerdings: ein Zählfehler kann fatale Folgen haben.

Das gilt natürlich auch für die Reform des Kindergeldes. Soll man sich pro Jahr auf ein Kind beschränken oder gleich Zwillinge oder Drillinge anschaffen? Da heißt es kühl kalkulieren und sich nicht eigenen oder fremden Trieben willenlos hingeben. Denn bei einer Mehrlingsgeburt erhält man ab dem zweiten Kind 300 Euro pro Kind mehr als bei einem Einzelkind. Wer da nicht rechnen kann, schaut dumm aus. Und zusätzlich spart man als Frau schon bei Zwillingen seinem Arbeitgeber eine zweimalige Auszeit, was dieser bestimmt nicht vergisst, wenn er wegen des Shareholder Value wieder mal Personal entlassen muss. Und die Ersparnis erst bei Drillingen! Eine schwere Entscheidung angesichts des immer milder werdenden Klimas, das einen gegenüber dem anderen Geschlecht ja nicht kalt lässt – noch dazu, wenn man ständig Treibhausgas einatmet.

A propos Klima: unseren Politikern ist nach der Veröffentlichung des UNO-Berichts endlich klar geworden, wohin der Hase läuft. Direkt in den Bratofen! Und weil sie einige Jahrzehnte verschlafen haben, wollen sie nun alles auf einmal ankurbeln. Wie immer steht Deutschland dabei ganz an der Spitze. Nach Insiderinformationen plant das Kanzleramt die zusätzliche Förderung sämtlicher alternativen Energien. Schließlich war die Chefin mal Umweltministerin. So einfach ist es: wenn Sie in Zukunft Ihr Dach total mit Sonnenkollektoren bestücken, im Garten ein Rapsfeld (min. 500 m2) und eine Windkraftanlage (max. 60 m Höhe) betreiben, Ihr Haus mit den neuen 50cm-Koalitionsdämmplatten verkleiden, auf Fenster verzichten und mit Holz oder Biogas heizen, erhalten Sie soviel Geld, dass Sie davon auf Ihrem Grundstück mit einer größeren Erdölbohrung beginnen und schon kurz darauf in Öl schwimmen können. Das werden Sie auch brauchen, denn der Liter kostet bis dahin mehr als ein alter Bordeaux. Ihr Auto lässt sich nun mal weder mit Sonne noch mit Wind so schnell fortbewegen, wie Sie das schließlich gewohnt sind. Es sei denn, Sie verzichten auf ein deutsches Fabrikat. Die heimische Autoindustrie hält es nämlich mit der Politik: erst abwarten und um fünf nach Zwölf handeln.

Noch ein Tipp für echte Männer: Sie können im Mai all diesen Widrigkeiten entgehen. Satteln Sie Ihr Fahrrad und bewegen Sie sich in nördliche Richtung. 120 Kilometer pro Tag genügen. Schon bei der Einfahrt in die norddeutsche Tiefebene werden Sie immer mehr blonden Engeln begegnen, die sich beim Wechsel von Dänemark nach Schweden am Wegesrand auffallend häufen. Versuchen Sie ruhig weiterzufahren und denken Sie nicht tagsüber schon an die immer milder werdenden Nächte. Beim Anblick nordischer Schönheiten werden Sie spüren, wie es Ihnen auch wärmer ums Herz wird. Ihr Tritt beschwingt sich, jeden weiteren Kilometer in Richtung Stockholm fühlen Sie ein immer stärkeres Feuer in sich lodern. Trinken Sie kalten Tee und fragen Sie auf keinen Fall Ihren Arzt oder Apotheker. Und wenn Ihnen wonnige Maiennächte dann heiße Schauer durch den Körper jagen und Ihr durch harte Arbeit geschwächtes Herz zu zerreißen drohen, dann schnell aufs Rad und rüber Richtung Grönland. Dort kommen Ihnen schmelzende Gletscher schon entgegen, um Sie richtig abzukühlen. Einfach herrlich, dieser Klimawandel!

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