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Neuenburger Rheingrenze anno dazumal

Hän Sie was  zum verzolle?

Klaus Amann

Mit dem Abschluss der „römischen Verträge“ vor 50 Jahren begann nach Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzungen ein neues Kapitel europäischer Friedenspolitik. Mögen die „Vereinigten Staaten von Europa“ selbst noch in weiter Ferne verweilen, das bisher Erreichte ist eine tief beeindruckende Erfolgsgeschichte, die unsere Ahnen noch nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Die nationalen Interessen und die europäischen Ansprüche auszugleichen, das erweist sich zwar immer wieder als nervraubender und Steuergeld fressender Kraftakt. Wahr ist aber auch: es gibt in der Europäischen Union  eine gemeinsame Währung und offene Binnen-Grenzen, zwei wirtschaftspolitisch ganz wichtige Markierungen auf dem Weg zum Vereinten Europa.

Im März 1995 war das „Schengener Abkommen“ in Kraft getreten und damit hatte in Europas Mitte die „grenzenlose Zeit“ begonnen– einfach so! Auch der vormals militärisch und zolltechnisch gesicherte Rheinübergang Neuenburg – Chalampé war nun offiziell ein offenes Tor für Autofahrer, für  Radfahrer und Fußgänger, für Arbeitssuchende und Ausflügler und leider auch für  Spitzbuben aller Kaliber geworden.

„Hän Sie was zum verzolle? Das Foto von Ulli Skoruppa ist um 1960 entstanden und zeigt den nunmehr 85 jährigen, pensionierte Zollbeamten Franz Blank aus Neuenburg. Seit 1950 hat er die Nachkriegszeit des Neuenburger Grenzübergangs miterlebt. Anstelle der zerstörten Rheinbrücke gab es ja zunächst nur einen recht bescheidenen Fährbetrieb für wenige Autos, Fahrräder, Passagiere und Güter.

Ein Füllhorn an Erinnerungen an Kollegen und Ereignisse wird wach, wenn Franz Blank und andere aus dem sprichwörtlichen Nähkästchen des ehemaligen Zollbetriebs plaudern. Die Personen - und Güterkontrollen an der Rheingrenze Neuenburg – Chalampé waren im ersten Nachkriegsjahrzehnt streng; der französische und deutsche Zoll arbeitete kollegial und kooperativ zusammen. Bei Seiten mussten illegale Grenzübertritte und Schmuggelversuche unterbinden. Die Zöllner kannten ihr Klientel und deren immerwährenden Versuche, die zeitweise rigiden Zollbestimmungen für Handelswaren zu umgehen.

Die deutschen „Nochbere“ im „kleinen Grenzverkehr“ hatten Appetit auf Kaffee, „Rotwin“, Käse und Zigaretten aus den Regalen des Elsass, die Franzosen wiederum schätzten die badischen „Kleiderlädeli“.  Die französischen Zöllner staunten immer wieder, wie hübsch und neuwertig ihre heimkehrenden Landsleute angezogen waren. Da gab es zwei Pullover oder Röcke übereinander, da wurden die neuen Schuhe getragen und die alten „versteckelt“. Würde man die vielen „Schmuggelg’schichtle“ der ansonsten braven Grenzgänger sammeln, ja,  es bedürfte wohl eines großen Containers an der alten Zollstation Neuenburg.

Da musste im Verlauf der Jahrzehnte manch eine Mark oder Fränkli zähneknirschend nachentrichtet werden. Die Elsässer hatten noch ein Problem mehr, nämlich die Devisenbewirtschaftung Frankreichs. Sie durften nur eine verhältnismäßig kleine Summe mit zu „de Schwobe“ ausführen, erinnert sich Erwin Bornemann aus Neuenburg, der in seiner Eigenschaft als Leiter der städtischen Volksbank auch die Wechselstube an der Grenze zu betreuen hatte.

Doch diese Zollstation Neuenburg – Chalampé wurde schon in den 70er und 80er Jahren im „kleinen Grenzverkehr“ immer durchlässiger. Die Zollbeamten kannten die vertrauten Gesichter und Autokennzeichen „vu hübbe wie drübbe“, es gab immer mehr Kontakte auf der Ebene von Vereinen und der Kommunalpolitik. Das sogenannte „Durchwinken“ an der Grenze wurde zunehmend Standart. Kein Wunder also, dass die Abschaffung der Grenzstation noch nicht einmal mehr zu einem „Feschtli“ führte, denn die „offene Grenze“ war sozusagen schon eingeübt, noch bevor die Schlagbäume offiziell abmontiert wurden. Allerdings gab es weiterhin – diskret und unauffällig – die Kontrollaktionen gegen die international organisierten Schieberbanden.

Die Geschichte der Grenzstation Neuenburg - Chalampé ist zu Ende. Eines fernen Tages werden Hinweistäfelchen notwendig, die „uf französisch un ditsch“ erklären, dass es eine solche überhaupt gegeben hat.

 

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