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Klaus Amann
In diesen Tagen entdeckt man inmitten des närrischen Publikums auch grau und schwarz gekleidete Vertreter des katholischen und evangelischen Klerus. Wenn die Tänze, Büttenreden und Schnitzelbänke einigermaßen im Rahmen von Sitte und Anstande bleiben, dann zollen sie den Fasnachtsakteuren durchaus den gebührenden Beifall. Allerdings müssen diese Männer und Frauen immer wieder auch derbe Zoten erleiden und reagieren dann mit süß-säuerlichem Gesichtsausdruck, vor allem wenn die humorigen Reime Fehlverhalten und Moralvorstellungen ihrer Kirche aufs Korn nehmen.
So beklagen der evangelische Theologe Traugott Fränkle und sein katholischer Kollege Winfried Maria Höhmann in ihrem Taschenbuch „Fastnacht für Christen“ (1984) beispielsweise: „Zu den übelsten Dingen gehört die Neigung gewisser Männer zum öffentlichen Transvestismus. Sie legen weibliche Sexsymbole an und beginnen einen Striptease, der merkwürdigerweise das Publikum in der Regel zu ohrenbetäubendem Gekreische veranlasst.“
Andererseits nehmen die Bühnenakteure der Fasnacht seit jenem Getöse
um die „Dänemark-Karri-katuren“ große Rücksicht auf die religiöse
Gefühlswelt der Muslime – bloß kein Ärger mit frommen Menschen aus dem
Morgenland, die schnell beleidigt sind und auf Rache sinnen.
Unvorstellbar also, dass in einem närrischen Bühnenauftritt oder auf
einem Umzugwagen der Straßenfasnacht siebzig verschleierte Jungfrauen –
entsprechend der islamischen Paradieserwartung - vergebens auf das
erotische Vergnügen mit ihrem gemeinsamen Bräutigam warten, weil dieser
seinen Sprengstoffgürtel doch wohl zu nahe an sein „Dingsda“ gepackt
hat! Tata-Tata-Tata!
Wie aber steht es mit der traditionell eher Abstand haltenden Beziehung zwischen christlichen Kirchen und der Fasnacht? Da hat sich über die vielen Jahrzehnte einiges grundlegend verändert – man staune über das Foto. Ja, er ist’s – Karl Kardinal Lehmann anno 2005 in Aachen, mittendrin bei der närrischen Ordensverleihung.
Nun, die Geschichte der Fasnachts-Narretei mit all ihren Zutaten wurzelt tief im Christentum des Mittelalters. Vor dem Beginn der Fastenzeit sollten die Ahnen nochmals gründlich essen und trinken dürfen; alles im Rahmen von Gebot und Verbot. Die Obrigkeit, oft genug Wasser predigend und selber dem Weine zugetan, hat niemals akzeptiert, dass ungehemmt „gefressen, gesoffen und gehurt“ wurde, dass ihre Christenmenschen vor Aschermitterwoch grenzenlos „die Sau rausließen“. Also wurde das liederliche Treiben mit Verbot und Strafe immer wieder auch streng sanktioniert.
Den katholischen Priestern und auch den evangelischen Pfarrherren blieben Karneval und Fasnacht insgesamt gesehen immer ein misstrauisch zu beäugendes Gräuel. Auch in der Erzdiözese Freiburg sah der Klerus noch vor mehr als einem halben Jahrhundert das Seelenheil und vor allem die Tugend junger Frauen und Männer durch das alkoholisierte närrische Treiben massiv bedroht. Die Volksmundweisheit: Einmal ist keinmal, zweimal ist wohlgetan und erst beim dritten Mal fängt die Sünde an, das wollte die Kirche als närrische Entschuldigung nicht gelten lassen.
Der Freiburger Erzbischof Karl Fritz (1864 – 1931) ließ 1928 von allen Kanzeln seines Erzbistums daher einen Hirtenbrief verlesen, in welchem er im Umfeld der Fasnacht den sittlichen Niedergang beklagt, die schamlose Kleidung, das niedrige Betragen, die unziemlichen Tänze und die schweren sittlichen Verfehlungen. Es gäbe viele Menschen, die sich für die Narretei an Fasnacht sogar verschulden, obschon es bei der Familie zuhause an allem mangele. Das Johlen und Trinken bis zum frühen Morgen sei ein unverantwortlicher Angriff auf die Nerven und die Gesundheit und mache für die Berufsarbeit am folgenden Tag untauglich. Und weil diese Fasnachtveranstaltungen vor allem am Samstagabend stattfänden, würden Christen zudem den Sonntagsgottesdienst versäumen.
Mit erhobenem Zeigefinger kommentierte Erzbischof Fritz mit Blick auf die sozialpolitische und wirtschaftliche Notzeiten jener Jahre: das Christentum sei keine Freudenmörderin und echte Frömmigkeit bestehe keineswegs in einem traurigen, kopfhängerischen Wesen, doch zu warnen sei vor Geldverschwendung, Unmäßigkeit und sittenwidrigem Betragen – und das nicht nur an Fasnacht.
Auch die nachfolgenden Freiburger Erzbischöfe mahnten ihre Gläubigen immer wieder vor den Gefahren der närrischen Tage und Wochen. Strenge Kanzelworte in Form eines Hirtenbriefes wie anno 1928 aber unterblieben meist. Mit den Jahren und Jahrzehnten entspannte sich die Beziehung von Kirche und Fasnachtsvergnügen. Erzbischof Karl Fritz hätte gewiß der Schlag getroffen, hätte er am Fernsehbildschirm miterleben müssen, wie sein Amtsbruder Karl Kardinal Lehmann 2005 in Aachen den Orden „Wider den tierischen Ernst“ bekommt und mit seiner glänzenden Büttenrede in die Fasnacht –und Karnevalsgeschichte eingeht. Demnächst wird dieser hohe Herr in Neuenburg ja sogar ein 250 Literfass Gutedel der hiesigen Gutedelgesellschaft überreicht bekommen.
Niemals hätte Erzbischof Karl Fritz geduldet, dass Priester bei Fasnachtveranstaltungen inmitten des närrischen Publikums sitzen oder im Münster in Freiburg Narrengottesdienste mit Hästrägern stattfinden. Im Verlauf seiner Amtszeit, am Vorabend des Dritten Reiches, gab es weiß Gott auch in der Erzdiözese Freiburg andere und schwerwiegendere Sorgen als die alemannische Fasnacht.
Viele Fasnachtsjahre sind zwischenzeitlich ins Land gegangen. Der legendäre Papst Johannes XXIII (1881 – 1963) beispielsweise hatte nicht nur das 2. Vatikanische Konzil in Rom einberufen, sondern dieses volkstümliche und fröhliche Oberhaupt der Katholischen Kirche lachte herzlich gerne – sogar über sich selber. Er meinte bei einem diplomatischen Empfang im Vatikan: die Genüsse des Lebens seien nicht nur für Sünder gedacht………!
Na dann: Narri! Narro!
Bild: Bistum Mainz