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„Sag mal, was macht denn Arnold so nach seiner Pensionierung?“, frage ich Max in unserer Stammkneipe. „Na ja, er hat ja auch so eine kleine Rente ...“, sagt Max und schaut mich so ernst an, dass ich Schlimmes befürchte. „Und was heißt das?“, frage ich vorsichtig. „Er muss ebenfalls schauen, dass er kleine Jobs findet, sonst kommt er nicht durch. An eine festere Anstellung ist ja mit 66 nicht mehr zu denken!“ Ich nicke zustimmend. „Und was sind das für Jobs?“, frage ich. „Na ja, halt so ziemlich alles, was sich anbietet. Neulich hat er im Großmarkt einen Tag lang Kartons zerkleinert und gebündelt, dann ist er ab und zu in einer Gärtnerei tätig und hilft beim Abladen und Verteilen der Pflanzen. Er ist ja noch ziemlich kräftig.“
„Und wo verdienst du dir im Augenblick noch was dazu?“, frage ich Max, der sofort verlegen wird und dann grinst: „Ich arbeite einmal in der Woche in einem Callcenter.“ „Worum geht es da?“, will ich wissen. „Na ja, so Servicedienste ...“ Max wird noch verlegener. „Was für Servicedienste denn?“, frage ich interessiert, aber bestimmt. Max windet sich sichtlich. „Na ja, also ich führe Telefongespräche ...“ „Was für Telefongespräche? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, sage ich unwirsch. „Mit Damen ...“ „Was???“, rufe ich ungläubig. „Ganz harmlos!“, sagt Max entschuldigend. „Wie harmlos?“ Max gibt keine Antwort. „Woher hast du denn den Job?“, fasse ich nach. „War eine Anzeige“, sagt Max, „erst haben sie gleich abgewinkt wegen meines Alters. Aber dann habe ich an einem Test teilgenommen. Und mein Ergebnis war sehr gut!“ „Was für ein Ergebnis denn?“, frage ich etwas verwirrt. „Also mein Minutenaufkommen. Die Damen telefonieren immer sehr lang mit mir. Und das Callcenter lebt ja von den hohen Telefongebühren, die die Damen bezahlen müssen.“ Jetzt dämmert es mir. „Also, das ist so eine Telefonsex-Nummer?“ „Nein, nein“, beeilt sich Max zu versichern, „ich berate nur!“ Bevor ich weiter fragen kann entgegnet er: „Das ist ja wohl besser als Raubüberfälle und Bankeinbrüche. Du hast doch von der Rentnerbande gehört, die hoch verurteilt wurde!“ „Sicher!“, sage ich. „Und neulich hat ein Rentner bei einem Juwelier das Messer gezogen und zwei wertvolle Stücke mitgehen lassen. Aber er war mit seinem Ischias zu langsam.“ „Ja, das häuft sich jetzt immer mehr“, sage ich leichthin und frage mich nun auch, wie ich meine Nebeneinnahmen trotz Ischias erhöhen kann.
In diesem Augenblick betritt ein Mann die Kneipe. Ich erkenne ihn nicht gleich, sondern starre nur auf einen riesigen Blutfleck auf der Vorderseite seines Kittels. „Arnold, du?“, ruft Max bei seinem Anblick. „Ich brauch jetzt ein Bier“, sagt Arnold erschöpft. „Um Himmels Willen, wie schaust du denn aus?“, fragt Max. Arnold zieht die Stirn kraus: „Soll ich von achthundertdreissig Euro leben, bei der hohen Miete? Ich komme gerade von meinem Vermieter, den hab ich mir jetzt mal vorgenommen!“ Ich erschrecke und starre auf den Blutfleck. „Um Gottes Willen, was ist denn passiert?“, sagt Max. „Er hat die Miete nicht senken wollen ... aber dann bin ich rabiater geworden!“ „Arnold!“, schreit Max entsetzt, „gab’s denn keinen anderen Weg?“ „Nein“, sagt Arnold ernst, „es blieb mir gar nichts anderes übrig. Ich hab ihn in die Zange genommen. Ich weiß doch, dass er die Mieten immer bar kassiert ...“ „Und dabei hat er sich gewehrt, es kam zu einer Rauferei?“, fragt Max bleich. „Nein, überhaupt nicht! Als ich ihn fragte, ob das Finanzamt die genaue Höhe seiner Mieteinnahmen kenne, hat er die Miete freiwillig um 30 Euro gesenkt.“ „Einfach so?“, fragt Max, der es nicht glauben will. Arnold lächelt verlegen: „Na ja, mir ist das Messer bei ihm versehentlich aus der Tasche gefallen. Ich kam ja gerade von meinem neuen Nebenjob beim Schlachthof.“