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Weihnachten 1945 fand nicht mehr zu Hause in Oberschlesien statt. Mutter und wir drei Geschwister waren nach langer Odyssee in dem kleinen Dorf Venzka an der Saale gelandet. Der Ort war mit Flüchtlingen überfüllt. Wir kamen in der ausgeräumten Kleiderkammer der Feuerwehr unter. Zwei Betten und ein kleiner eiserner Ofen waren das gesamte Inventar; mehr hätte da auch nicht reingepaßt.
Dankbar, daß wir endlich ein Dach über’m Kopf hatten, richteten wir
uns ein so gut es eben ging. Aus dem nahen Wald hatten wir Holz
gesammelt und Fichtenzweige mitgebracht. Mutter legte in die
verlöschende Glut hin und wieder einen grünen Zweig auf. Es knisterte
so schön und duftete ganz weihnachtlich.
Eigentlich wollte ich erzählen, was mir am Vormittag beim Kaufmann passierte. Da waren drei Frauen, die flüsterten, aber so, daß ich es hören sollte: Polackengesindel, sollen sich hinscheren, wo sie herkamen. Doch ich hielt mich zurück. Ich mochte unsere karge Gemütlichkeit nicht stören.
Wir erzählten von „damals“, das eigentlich erst einige Monate zurücklag. Wir fragten uns, wo jetzt wohl unser Vater sein mochte, der noch zum Volkssturm eingezogen worden war. Seitdem waren wir ohne Nachricht von ihm. Die Stimmung wurde zusehends trauriger. Die Mutter faßte sich zuerst und summte ein Weihnachtslied, bald sangen wir leise mit.
Plötzlich ein Poltern!
Die Haustür, die nicht mehr zu verschließen war, schlug gegen die Wand. Hastig sprang die Mutter auf und drehte den großen Schlüssel im rostigen Kastenschloß. Die Türklinke senkte sich und blieb unten. Dann hörte man Schritte sich entfernen.
Lange saßen wir ängstlich zusammen, bis der kleine Bruder es nicht mehr aushielt: „Ich muß mal …“
Und das Klo war hinterm Haus. Im Dunkeln gingen wir nur gemeinsam dorthin.
Vorsichtig schloß Mutter die Tür auf. Da krachte etwas und die Klinke schnappte hoch. Vor der Tür lag ein Bündel. Zum Vorschein kam Kleidung, getragen aber sauber, und eine kleine Blechschüssel mit Weihnachtsgebäck. Ein Zettel lag bei, der mit ungelenker Handschrift „Frohe Weihnacht“ wünschte. Wir fühlten eine Wärme, die kein Ofen geben kann. Und ich war froh, mein Erlebnis vom Vormittag für mich behalten zu haben.
Entnommen aus dem Buch Unvergessene Weihnachten, Band 3 - Erinnerungen aus guten und aus schlechten Jahren. 1914-1961. 192 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister.
Zeitgut Verlag, Berlin. ISBN: 3-86614-122-X, EURO 4,90