Kinderschallplatten

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Kinderschallplatten aus Schellack:

Als das Christkind durch die Rille sauste.....

(Klaus Amann) Die alten und uralten Kataloge aus den ersten Jahrzehnten der Schallplattengeschichte und die rauschenden Originaldokumente auf Schellackplatten und Edisonwalzen belegen, dass es seit mehr als 100 Jahren Herz erwärmende und teils kuriose Aufnahmen speziell für Kinderohren gibt.

>> Das Tondokument haben wir hier zum Anhören bereitgestellt <<

Quelle: Originale Kinder-Weihnachtstöne zu Kaiserzeiten - gesammelt von Klaus Amann. Rund 100 Jahre alt: "Weißt du wieviel Sternlein stehen".

KinderschallplattenDer „Herrengesang“ „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ gehört zu den ältesten Dokumenten des Genres „Kindertonträger“. Es ist ein Schallplattenwinzling von rund 10 cm Durchmesser, den die lieben Kleinen - um 1900 - auf speziellen Kindergrammophonen abzuspielen lernten. Diese anfänglich luxuriös teure Spielzeuge – waren - wie schon zuvor die mechanischen Musikinstrumente mit Blechplatten und Walzen - nur in gutbürgerlichen Kinderzimmern anzutreffen und nicht etwa in Arbeiterbehausungen.

Seit rund 100 Jahren erzählen die „Tonträger für Kinderohren“ ein gänzlich eigenständiges Kapitel Mediengeschichte. Zur akustischen Hinterlassenschaft gehören volkstümliche Kinderlieder ebenso wie mit Musik dramatisierte Text- und Gedichtlesungen und als Hörbild und Hörspiel inszenierte Darstellungen.

Die Tonträgerindustrie erkannte noch vor Beginn der Radioära die glänzenden Geschäftsaussichten. Sie produzierte seit 1900 ausgiebig und kontinuierlich Kinderschallplatten, vor allem mit Blick auf das Weihnachtsfest. „Man könnte meinen“, kommentiert Schallplattenforscher Bernd Meyer – Rähnitz in einem Artikel der Zeitschrift „Fox“, „für das in Biedermeierart angelegte Weihnachtsfest der Deutschen sei die Schallplatte geradezu erfunden worden.“

Auf unzähligen Schellackscheiben wurden rührselige, kindhaft und kitschig gesungene, gesprochene und mit Glocken garnierte Weihnachtstöne festgehalten; Töne, die uns heute noch zu Tränen rühren oder uns vor Lachen die Tränen in die Augen treiben. Es gab Titel wie „Kinderjubel am Weihnachtsabend“ oder „Christbaumhändler Fichte“ oder „Weihnachtsbescherung bei Piepenbrinks“ . Aus der Fülle der Weihnachtsdeklamationen und Weihnachtsmelodramen nach Einführung der elektroakustischen Aufzeichnung und Wiedergabe um 1927. „Klein Gretchens Weihnachtsbrief an den lieben Gott“. Den Hauptpart spricht Karl Zander, einer der viel beschäftigten Schallplattenrezitatoren der 20er und 30er Jahre.

Zu den Kindertonträgern der Schellackära zählen auf 4 oder 5 Minuten Länge komprimierte Bearbeitungen der klassischen Märchenliteratur ebenso wie „Märchenopern“ und „Kasperlestücke“, „Aschenbrödel“, „Dornröschen“, „Die sieben Geißlein“, dann die Ausschnitte aus Humperdinck’s Märchenoper „Hänsel und Gretel“, dann gab es Titel wie „Kasper als Nachtwächter“ und jenen, in den 30er Jahren erstmals aus den USA auch nach Deutschland importierten Comic – Tonbildern aus dem Walt Disney-Konzern.

Es gab aber auch frühzeitig eine eigenständige, für Kindertonträger geschriebene deutsche Hörliteratur. Erwähnt sei „Schnauzel - Wauzel, der Fliegerhund“, ein „modernes Kindermärchen“ – so die Werbung, gesprochen von Rosl Seegers, auf Odeon – Schallplatte – vor mehr als 75 Jahren.

Im Gegensatz zu den einstündigen Spiellängen zeitgenössischer Tonträger wie Audio-Kassette und CD mussten sich die Schelllackplatten seinerzeit mit einer Laufzeit von maximal 5 oder 6 Minuten pro Plattenseite begnügen. Dies änderte sich erst ab 1950, als die ersten Langspielplatten aus Kunststoffmaterialien und die Mikrorille der rund 5 Jahrzehnte währenden Schellackära ein Ende setzte und sich das Abtasttempo von 78 Umdrehungen pro Minute auf 45 und 33 Umdrehungen reduzierte. Erst mit Laufzeiten von bis zu 20 oder 30 Minuten pro Plattenseite wurden werkgetreue Bearbeitungen der klassischen Kinderliteratur möglich.

Zwischen Rundfunk und Schallplatte gab es schon in den 20er Jahren eine punktuelle Zusammenarbeit von Radioredaktionen und Tonträgerindustrie. So fand der berühmte „Funkheinzelmann“ in der Obhut des legendären Hans Bodenstedt im Verlauf der 30er Jahre zeitgleich über beide Medien Zugang zu den Herzen der jungen Hörerschaft.

Dass man beim Rückblick sogar auf den berühmten Walter Benjamin mit seinen Kasperle - Hörspielplatten „Kasperle im Zoo“ oder auch „Kasperle auf dem Rummelplatz“ trifft, das überrascht. Walter Benjamin als Kasperle - Autor? War Walter Benjamin nicht der bedeutende deutsche Essayist und Philosoph, der während seiner Flucht vor der deutschen Nazi – Machthabern sich 1940 das Leben nahm?

Der ganz große Renner zur Freude der Kinder und auch zur Freude der Produzenten blieben stets die in Kurzfassung bearbeiteten, klassischen Märchen, vor allem die der Gebrüder Grimm. Man findet in den Archiven der Schellack-Sammler Aufnahmen mit qualitativ sehr unterschiedlichen, künstlerischen Bemühungen. Man trifft auf die „Märchentanten“ und „Märchenonkels“, auf Schauspielerinnen und Schauspieler, die ihr Brot auch in den Kinderfunk -Redaktionen der Reichsrundfunkstudios verdienten.

Kindertonträger gab es sogar mit Dialekt - und Mundartbearbeitungen, auch solche Produktionen fanden in hohen Auflagen die Zuneigung von Eltern und Kindern. Beispiel „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ - in einer Produktion für Schweizer Kinderohren, gesungen von den Geschwistern Schmid.

Kinderschallplatten aus der Schellackära! Da finden sich auch

„Drei Schweinchen und der böse Wolf“ - ein Hörspiel auf Odeon-Schallplatte. Die Zeichentrickfiguren von Walt Disney – nämlich die Micky Mous, Donald Duck und eben auch die Schweinchen und der böse Wolf gab es auch im nationalsozialistischen Deutschland zu sehen und zu hören, doch nur bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Wer sich für die einstündige Sendung mit vielen historischen Aufnahmen interessiert, der wende sich an den Westdeutschen Rundfunk Köln, Redaktion Schellackschätzchen. An Heiligabend wird dort die Dokumentation von Klaus Amann in WDR 4 ausgestrahlt.

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