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Klaus Amann
Die aktenkundige Geschichte des Bellinger Rathauses eignet sich nicht so recht für eine Festschrift-Maskerade, denn es geht es um die vermaledeite Nazi-Zeit und ihrer Akteure. Zudem endete die Bellinger Grundherrschaft der Familie von Andlaw in den 1930er Jahren nicht mit einem musikalisch umrahmten „Abschiedsfeschtli“, sondern mit dem schrillen Schlussakkord eines Strafprozesses gegen Oktav von Andlaw.
Die sogenannte „Machtergreifung“ der Nazis anno 1933 verursachte in
Freiburg und Lörrach politischen Lärm. In kleinen Orten wie Bellingen
brauchte der Übergang aus der „Systemzeit“ eine Weile. Als die teils
begründeten und teils inszenierten Aufregungen zu Beginn des Dritten
Reiches gerade am Abklingen waren, da folgte der handfeste Skandal:
Graf Oktav von Andlaw musste sich vor dem Landgericht Freiburg wegen
Verfehlungen gegen damals noch geltendes Sexual-Strafrecht
verantworten. Die Haftstrafe fiel dann zwar recht kurz aus, die
Beweislage war doch eher dünn. Trotzdem gab es für Andlaw – Familie
Auflagen und Einschränkungen bei der Beschäftigung von Jugendlichen.
Gräfin Elisabeth reagierte prompt, denn sie sah die Bellinger Grundherrschaft wirtschaftlich und standesgemäß am Ende. Die Familie verkaufte das gesamten Anwesens und zog sich auf den Alterssitz in Schliengen zurück. „S‘ Grafe gehn furt“, das sagten die Leute ohne sonderliche Freude und ohne sonderliche Trauer; es war halt so.
Die Nazi-Parteifunktionäre und Verwaltungsakteure jener Jahre erkannten die kommunalpolitische Chance, denn nicht nur die Gemeinde Bellingen hatte an dem Anwesen, an den Reben und Feldern ein handfestes Interesse, sondern auch der mächtige Nazi-“Reichsnährstand“. Man munkelte von einem „landwirtschaftlichen Musterbetrieb“, der da in Bellingen Einzug halten sollte.
Ratschreiber Heinrich Escher und der kommissarische Bürgermeister August Höferlin meldeten also auf dem Bezirksamt Müllheim das dringende Kaufinteresse der Bellinger Gemeinde an, nun endlich könne man den Kindergarten, die Volksschule und die Gemeindeverwaltung vernünftig unterbringen; die Ökonomiegebäude würden sich bestens für die Farrenhaltung eignen, und die Felder und Wiesen könnten den einheimischen Landwirten die im Elsass verloren gegangenen Nutzflächen ersetzen. Und ganz besonders: Drei Bellinger „Volksgenossen“ würden mit ihren Familien ordentliche Wohnungen bekommen.
Die Müllheimer Behörde zeigte sich nicht so begeistert wie die Antragsteller. Man kannte das „arme Nescht Bellige“ nur zu gut, und deshalb folgte sofort auch die Frage nach der Finanzierung. Ratschreiber Escher machte folgende Rechnung auf: Die Gemeinde habe Kapital aus einer Wasserleitungsrücklage von rund 10 000 Reichsmark und eine „Reichsbuchschuldforderung“ für den Verlust der linksrheinischen Besitzungen von rund 22 000 Reichsmark. Die Grafenfamilie verlange für ihren gesamten Besitz 50 000 Reichsmark, somit ständen noch runde 18 000 Reichsmark offen, abzüglich einiger tausend Mark gräflicher Schulden. Und ganz entscheidend bei dem Vorhaben: Die Gemeindeverwaltung plane, die dann neu erworbenen Felder, Reben und Wiesen gleich wieder an ihre Bürger zu verpachten oder zu verkaufen.
Im Juni 1937 kam es zu einem Ortstermin auf dem gräflichen Anwesen, bei dem sich der neue, nicht gewählte, sondern eingesetzte Bürgermeister Vogel, Ratschreiber Escher, der NS - Kreisbauernführer, sowie Graf Andlaw samt einem Rechtsanwalt.
trafen und sich über die Kaufmodalitäten einig wurden. Die Bellinger Gemeinde war nun im Besitz eines landwirtschaftlichen Komplexes, auf dem ihre Vorfahren noch Frondienste leisten mussten. Manch einer im Dorf empfand diesen Kauf gewissermaßen als historische Wiedergutmachung.
Nun war die Gemeinde aber auch an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten gestoßen und sie stand zudem unter großem Zeitdruck, denn die Andlaw-Familie hinterließ Wohnhaus und Ökonomiegebäude in einem desolaten Zustand. Die Nutzung des „Schlosses“ bedurfte baulicher Veränderungen und zahlreicher Reparaturen. Alleine für den Ausbau der beiden Schulräume verlangte der Kostenvoranschlag runde 16 000 Reichsmark. Hilfe kam aus Karlsruhe: Das Ministerium bezuschusste die Bellinger Volksschule mit 10 000 Reichsmark. Alle weiteren Maßnahmen hatte die Gemeinde selber zu bezahlen.
Unentwegt verkaufte die Verwaltung teils für geringe Summen, Grundstücke, Felder und Reben. Einige Reparaturen an der Schlossanlage übernahmen Bellinger Bürger in Eigenleistung, auch der spätere Bürgermeister Markus Ruf schwang den Farbpinsel. Und die Bellinger? Sie sagten nun nicht mehr länger „bi s‘ Grafe vorne“, sondern „uffem Rothuus vorne“.
Mit der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs gab es auch die Kümmernisse der Kriegs – und Nachkriegszeit, die Beseitigung der Kriegsschäden und die Notunterkünfte. Im Bellinger Mehrzweckgebäude Rathaus und den Anbauten arbeitete die Verwaltung, da wohnten Familien, da lärmte die Volksschule und auch „d‘ Poscht vu de Frau Allgeier“ war untergebracht. In den Schulräumen tagte zeitweise der Gemeinderat, es probten in ihnen die Sänger und Musiker aus dem Ort.
Mit der Thermalquelle 1956 kam der Glaube an den ungebremsten Fortschritt in die Gemeinde. Als Trompeter des Fortschritts fungierten dann jahrelang sehr gut beschäftigte Planer und Gutachter. Mit den Geld- Zuschüssen aus allerlei Töpfen wuchsen – so nebenbei - die Bellinger Geld-Schulden im Übermaß. Mit dem Zeitgeist der 1970er Jahre sanierte die Gemeindeverwaltung den Ortskern und siehe da, plötzlich stand das Andlaw -Schloss dem Fortschritt vermeintlich im Weg. Der Abriss jedoch wurde erfolgreich verhindert.
Manch ein Bad Bellinger Sanierungsvorgang von damals bekäme heute keine Zustimmung mehr, weder von den Behörden, noch vom Gemeinderat, noch von der Bevölkerung. Als eine auffällige Fehlplanung erwies sich der Bau der ebenerdigen Rathaus- Garage im Stil der hitlerschen „Westwallbunker“. Doch nun hat man hat sich an ihn gewöhnt - als gäbe es ihn schon 1000 Jahre.
Unser Bild zeigt in der Bildmitte Graf Andlaw