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Klaus Amann
Die aktenkundige Geschichte des Bellinger Rathauses eignet sich
nicht so recht für eine Festschrift-Maskerade, denn es geht es um die
vermaledeite Nazi-Zeit und ihrer Akteure. Zudem endete die Bellinger
Grundherrschaft der Familie von Andlaw in den 1930er Jahren ja nicht
mit einem musikalisch umrahmten „Abschiedsfeschtli“, sondern mit dem
schrillen Schlussakkord eines Strafprozesses gegen Oktav von Andlaw.
Davon an andere Stelle mehr.
Zunächst der Blick in das Bad Bellinger Amtsblatt vom 3. Dezember 1975. Damals planten die lokalpolitischen Größen des Dorfes am Gefühlhaushalt zahlreicher Bürgerinnen und Bürger vorbei den Totalabriss der Andlaw –Ökonomiegebäude. An die Stelle des „Schlosses“ sollte ein „modernes“ Verwaltungsgebäude treten, das mit der neuen Sparkasse in der Nachbarschaft gewissermaßen „harmoniert“.
Es gab Protest gegen diese Absicht. Dorle Fräulin schrieb in einem Leserbrief an Bürgermeister Stotz: „Ich frage mich, welchen „Notwendigkeiten“ soll das jetzige Rathaus zum Opfer fallen. Die jetzigen Räumlichkeiten könnten doch durch einen entsprechenden Ausbau zweckmäßig gestaltet werden. Baugeschichtlich mag das Schloss dem Denkmalsamt nichts wert sein, für uns Bellinger ist es aber doch von historischer Bedeutung.“
Die „außerparlamentarische Opposition“ in Bad Bellingen hatte Erfolg, wie das „Outfit“ des Bad Bellinger Rathauses bis heute beweisen darf, denn die „Widerständler“ nahmen bei der Ortssanierung Einfluss auf das Abstimmungsverhalten des Gemeinderates. Ihnen war bewusst, dass diesem in den Nazi- Jahren 1937/38 zum neuen Rathaus gekürten „Schloss“ eine außerordentliche Symbolkraft in der Beziehungsgeschichte von „Belliger“ Landadel und Dorfbewohner innewohnt.
Fast alle Reben, alle Waldungen und Felder der Gemarkung Bellingen gehörten einst den Grafen von Andlaw; zu ihrem persönlichen Eigentum gehörten zeitweise sogar die Bellinger Bürger selbst. Dieser Familienclan in all seinen Verzweigungen bestimmte über Jahrhunderte hinweg auf vielfältige Art und Weise das Wohlergehen der Bellinger, und das hieß insgesamt gesehen vor allem das Ausmaß der örtlichen Armut.
Sicher, in Bellingen gab es einen gräflichen Lehrlingsfond, und die ganz besonders Bedürftigen konnten schon mal auf die Mildtätigkeit der Gräfin hoffen. Wer aber will ernsthaft behaupten, die Grundherrschaft hätte den Bellingern auch nur für eine kurze Zeitspanne genutzt und zum Vorteil gereicht?
Spötter könnten vielleicht auf die Brandrodung des Dorfkernes vor rund 100 Jahren verweisen, die der Grafenfamilie zu einem ordentlichen Schlossgarten mitten im Ort verhalf und so nebenbei auch die Dorfstrasse begradigte.
Wer damals im Bellinger Ortskern gleich zwei Mal hintereinander gezündelt hatte, das ist bis heute nicht geklärt. Es gab ja nur versicherte Nutznießer des Großbrandes, also bestand an einer Aufklärung wenig Interesse.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie wäre 1918/19 die republikanische Übereignung des Andlaw - Besitzes an die Gemeinde Bellingen fällig gewesen, doch die politischen Kompromisse auf Reichsebene verhinderten die Enteignung der Fürstenvermögen. Die Besitztümer des Adels blieben also auch in Bellingen unangetastet.
Allerdings, die Krisen und Missstände von Wirtschaft und Landwirtschaft im Verlauf der 1920er Jahre und auch die dramatische Inflation 1923, das alles machten auch „s’ Grafe“ schwer zu schaffen. Hinzu kam ihre Fehlspekulation in einem ominösen Bergwerksprojekt, das ihre Vermögensrücklagen wohl ordentlich rupfte.
Im Gegensatz zu den Vorfahren verzichtete die „mütterlich“ wirkende Gräfin Elisabeth in den Jahren der Weimarer Republik auf standesgemäße Attitüden am Bahnhof oder beim Kirchgang. Auch Graf Oktav gab sich volkstümlich und bieder; er suchte mit mancherlei fröhlichen Feschtle im eigenen Weinkeller die Kumpanei zum jüngeren Volk. Allerdings wird kein Chronist Oktav von Andlaw andichten wollen, er sei ein tüchtiger Landwirt gewesen.
Und die gemeindliche Infrastruktur „in Bellige“, wie war es um die bestellt? Verwaltung, Volksschule, Farren und die Löschgeräte der Feuerwehr waren in wechselnden Provisorien untergebracht. Zum Beispiel in einem Wohnhaus unmittelbar neben der ,,Bogeschtellig“: Mit Dampf und Krach ratterten dort die Eisenbahnzüge in nächster Nähe vorbei. Die Schulbehörde kritisierte das Schulzimmer als „dunkles Loch“. Die Lern- und Arbeitsbedingungen wurden aus hygienischen Gründen für derart miserabel eingestuft, sodass die Aufsichtsbehörden mehrfach Zwangsmaßnahmen androhten.
Nun war das Schul- und Wohnungsproblem um 1930 ja nur ein Teil der gesamten Lebensmisere in Bellingen. Die Absatzkrisen und der Preisverfall für landwirtschaftliche Erzeugnisse, sowie alte, ertragsarme Reben ließen selbst „Bessergschtellti“ um ihre Existenz bangen. Die wenigen Arbeitsplätze ,,bim Rhiibau“, „in de Zimenti“, „bi de Bahn“ und das Tagelöhnern „bi s‘ Grafe vorne“ blieben in all der Not die sinnbildlichen Tropfen auf dem heißen Stein.
Die sogenannte „Machtergreifung“ der Nazis anno 1933 verursachte in Freiburg und Lörrach politischen Lärm. In kleinen Orten wie Bellingen brauchte der Übergang aus der „Systemzeit“ eine Weile. Ab 1934 erhitzten sich die Gemüter dafür um so heftiger: Es kam zur Verhaftung des Pfarrers, weil sich dieser vor Ministranten als Hitlergegner zu erkennen gab. Die Dorfnazis glaubten auch, sie hätten auf dem Rathaus Schwindeleien bei der Fettkarten-Verteilung entdeckt, andererseits flüsterte man hinter vorgehaltener Hand über Manipulationen bei den Hitler-Wahlen. Es gab sogar einen militärischen Spionageverdacht und anderes mehr malträtierte seinerzeit den Bellinger Dorffrieden. Unter skandalösen Umständen vertrieben die Dorfnazis Bürgermeister Stutz schließlich aus dem Amt.
Als die teils begründeten und teils inszenierten Aufregungen gerade am Abklingen waren, da folgte der handfeste Skandal: Graf Oktav von Andlaw musste sich vor dem Landgericht Freiburg wegen Verfehlungen gegen damals noch geltendes Sexual-Strafrecht verantworten.
(Fortsetzung in der kommenden Ausgabe)