| Home
| Impressum | Anzeige
aufgeben
![]()
![]()
![]()
![]()
Es ist Dienstagmorgen 10.30 Uhr im Hof der Jugendarrestanstalt. Eigentlich
ein schöner Spätsommertag in den Ferien. Doch für Jugendliche
kein attraktiver Ferienort. Anstatt irgendwo am Baggersee oder im Schwimmbad „abhängen“ zu
können, müssen einige Jugendliche im Alter zwischen 14 und 21
Jahren ihren Arrest in Müllheim absitzen.
Wie kommt man als Jugendlicher an solch einen Ort?
Nun, im jugendlichen Leichtsinn hat sich schon mancher zu einer Straftat hinreisen lassen. Die Folge können erzieherische Maßnahmen wie Arbeitsstunden, Trainingsmaßnahmen oder Geldbußen sein. Wer diesen nicht nachkommt, bekommt den so genannte Beugearrest. Andere werden direkt zum Arrest verurteilt. Zwischen einem Wochenende und vier Wochen.
Nun sitze ich mit drei, ca. 16 jährigen Jugendlichen, zusammen im
Hof. Sie genießen die Sonne in der Pause ihrer Arbeitszeit in der
Holzwerkstatt.
„Habt ihr erwartet, dass es hier so ist, wie es ist?“
„Nee wirklich nicht!“ meint D. „Eigentlich dachte ich, dass man hier so wie ein Schwerverbrecher behandelt wird. Aber so ist es ja nicht. Die nehmen einen hier voll ernst und schauen nach einem.“
M: „Ja, man bekommt sogar einen eigenen Zellenschlüssel, und wenn man bei irgendeinem Angebot mitmacht oder Tischtennis auf dem Flur spielt, kann man abschließen und niemand kann an dein Zeugs dran.“
„Was gibt es denn für Angebote?“
„Metallwerkstatt, Holzwerkstatt, Stoff- und Glasmalen, Steinmetz arbeiten mit Ytong, Gartenarbeit, Sport, und Malkurse. Bei Holz oder Metall muss man mitmachen, das Andere ist freiwillig.“
„Sonst hat man noch Gespräche mit der Sozialarbeiterin oder dem Psychologen,“ grinst L. (Diese sind mit je einer halben Stelle angestellt und bieten Möglichkeiten zur Reflektion und Neuorientierung. Nach Möglichkeit wird auch nach neuen Wegen nach dem Arrest gesucht.)
„Wie ist so euer Tagesablauf?“
„Nachts von 20 bis 7 Uhr werden wir in die Zelle eingeschlossen. Auch mittags eine Stunde. Das ist aber gar nicht so schlimm, da hat man seine Ruhe.“
M. kratzt sich am Kopf und grinst: „Wann hat man das denn zu Hause?!“
D: „Nee wirklich, so schlimm ist’s hier gar nicht, trotzdem ist es nicht Wert ein Ding zu drehen um hier zu landen.“
„OK wie läuft so euer Tag ab, wenn ihr nicht in der Zelle seid?“
„Frühstück, Kiosk (man kann Süßigkeiten, Zigaretten ect. kaufen) Frühbesprechung, Putzdienst, Holz- oder Metallwerkstatt, Mittagessen, Einschluss, verschiede Kurse oder Sport, Abendessen, Fernsehen, Einschluss.“
„Was findet ihr hier so richtig negativ?“
D: „Also wenn ich ehrlich bin, die Toilette, - die ist in der Zelle in die Wand eingelassen. Da kriegt man echt Platzangst.“
„Ja, die ist wirklich übel,“ bestätigen die anderen. (Das Gebäude wurde 1874 erbaut. Auf zwei Stockwerke verteilt befinden sich jeweils sechs bis acht Zellen, die nur das Nötigste beinhalten: Schrank, Bett und einen Stuhl. Das hochgelegene Fenster ist vergittert.)
M: „Schlimm ist auch, wenn man durchs Fenster mitbekommt, wie draußen der Alltag weitergeht und man ist nicht dabei.“
Die Jungs wissen wovon sie reden:
L: „Ich will nicht mehr klauen. Beim Klauen kriegt man so einen starken Adrenalinkick. Das ist irgendwie cool, dann will man’s immer wieder machen. Aber das ist Mist. Man verbaut sich die ganze Zukunft.“
Mir scheint, dass der Austausch untereinander, im geschützten Rahmen und unter professioneller Begleitung, den Jungs und gelegentlich auch Mädchen, sehr gut tut. Sie wirken natürlich und ihre Äußerungen sind nicht aufgesetzt.
Dass es den Jugendlichen im Müllheimer Jugendarrest den Umständen entsprechend so gut geht, ist u. A. der Verdienst der Jugendrichterin und Vollzugsleiterin Frau Dagmar Thalmann. Als sie vor 31 Jahren das Amt übernahm, herrschten hier noch ganz andere Zustände. Morgens wurde das Bett hochgeklappt und abgeschlossen. Die Zellentür blieb zu und man hatte keinen Kontakt zu den Anderen. Das Essen wurde durch eine Klappe in der Tür gereicht. Frau Thalmann wurde durch ihre Kollegen Urban und Heinrichs in Hamburg inspiriert, die Form des Jugendarrestes umzugestalten um zielgerichtet auf die Jugendlichen einzuwirken. Nach und nach setzte sie mit dem gesamten Team, vor allem den Beamten des Aufsichtsdienstes, das neue Konzept um.
Obwohl es ab und zu Jugendliche gibt, die mehr als einmal einsitzen, scheint diese Art von Arrest sehr wirksam zu sein, denn die Wenigsten müssen wiederkommen.
Das ganze Jahr über kommen Jugendliche aus dem Einzugsgebiet von Karlsruhe bis zum Bodensee, die von ca. 40 Richtern eingewiesen werden.
Ihnen wird ermöglicht, die anstehenden Arbeitsstunden abzuarbeiten oder gegebenenfalls von der Jugendarrestanstalt aus zur Schule zu gehen. Vor Ort werden sie intensiv von qualifiziertem Anleite- und Vollzugspersonal betreut und bewacht.
Die Pause ist vorbei und die drei Jungs gehen wieder recht motiviert an
die Arbeit, trotz Sommerferien.
Sabina Dobslav