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Klaus Amann
Passionsspiele haben im katholischen Milieu Mitteleuropas eine Tradition,
die bis in das Mittelalter zurückreicht. Auch in Südbaden gab
es mehrere Anläufe, solche Passionsspiele zu etablieren; im badischen Ötigheim
beispielsweise und auch im kriegszerstörten Freiburg nach 1945.
Die weltweit bekannteste Passions-Spielstätte liegt im bayerischen Oberammergau, wo man alle 10 Jahre die Leidensgeschichte Christi auf die Bühne bringt. Eine rund 75 jährige Passions-Spielgeschichte hat sich auch im oberelsässischen Masevaux etabliert, einem Städtchen rund 45 Minuten vom Markgräflerland entfernt.
Während der Fastensonntage vor Ostern beginnt jeweils um 14.00 Uhr im örtlichen Theater-Palais die rund 5 Stunden dauernde Aufführung. Die beiden nächsten Spieltermine sind am 2. April und 9. April 2006. Auskünfte und Karten für 16,- Euro und 17,- Euro gibt es bei Herrn Weiss, 16 Porte Saint-Martin, F- 68290 Masevaux, Tel. 0033 – 389 824 266, Fax 0033 – 389 380 684.
Das Passionsspiel von Masevaux ist eine aufwendige Laien-Inszenierung mit rund 200 Mitwirkenden. Die deutsche Sprache mit französischer Sprachfärbung ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, doch die Spielschar präsentiert das Leiden Christi in der originalen, unveränderten Textfassung der 20er Jahre und zudem in der historischen Kulisse der Premiere vor rund 75 Jahren. Die Guten und die Bösen in dem Drama sind volkstümlich ausgestaltet. Die Inszenierung hat mit den pompösen Hollywood - Bibelfilmen wenig gemein. Die Spielweise ist eher zurückhaltend und die Musikbrücken sind dezent eingearbeitet. Vor allem aber wird spürbar, dass die großen und kleinen Akteure auf der Bühne das glauben, was sie spielen. Seit sieben Jahrzehnten trägt der Katholische Männerverein von Masevaux die Gesamtverantwortung für dieses Passionsspiel.
Da auf eine Beschallungsanlage verzichtet wird, empfiehlt sich für Hörgeschädigte ein Platz in nächster Nähe zur Theaterbühne. Andererseits vermittelt eine Sitzgelegenheit in den hinteren Reihen einen besonders schönen Gesamteindruck. Rund 400 Menschen aus halb Europa anreisend finden in dem musealen Theater-Palais von Masevaux Platz; auch Besucher ohne Deutschkenntnisse lassen sich von diesem regionalen, fast immer ausverkauften Passionsspiel anrühren und im besten Sinn des Wortes „erbauen“. Man trifft auf Besucher, die schon mehrfach Masevaux besuchten, um diesen Passionsspiele zu erleben.
In den 20 Jahren des vorherigen Jahrhundert hatte der katholische Pfarrer von Masevaux dieses Passionsspiel ins Leben gerufen. Damals waren die Beziehungen zwischen dem katholischen und noch überwiegend deutsch sprechenden Elsass zum „kirchenfeindlichen“ Mutterland Frankreich deutlich gestört; die Aufführungen waren damals auch eine Form des frommen Protests. Nazi-Besatzung und Zweiter Weltkrieg ließ die Spieltradition unterbrechen, das Theater-Palais wurde als Lazarett und Soldatenquartiere zweckentfremdet, doch dann, nach 1945 fand sich die große Spielschar schnell wieder zusammen.
Präsident der Passionsspiele ist Antoine Weis und er hat mit Blick in die Zukunft Sorgen. Einerseits fehlt zunehmend der deutsch sprechende Spielernachwuchs, andererseits eignet sich die Textvorlage nicht ohne weiteres für eine Übersetzung in die französische Hochsprache. Zudem ist die Tradition dieser Passionsspiele „halt in ditscher Schbroch“.
Noch aber ist diese Tradition nicht gefährdet; auch vielleicht deshalb, weil es sich um kein Touristenspektakel handelt, sondern um die glaubwürdige Präsentation der christlichen Glaubenswahrheit.