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„Ich weiß mir ein gar köstlich Ding in der Erinnerung
Schar
Den Duft, der in der Stube hing wenn Weihnachtsabend war.“
(ead) Diese Verszeilen stammen von Hermann Claudius, einem späten Nachkommen des alten Matthias Claudius, dessen volkstümliche Gedichte bis heute lebendig geblieben sind. Ein wenig lyrisch gestimmt und zur Nachdenklichkeit geneigt sind wir um die Weihnachtszeit alle.
Das ist nicht bloß ein Vorrecht der Dichter. Irgendwo in einer Schublade treibt sich noch ein uralter gereimter und bebilderter Adventskalender aus Urgroßmutters Kindertagen herum. Niemand wagt es, ihn wegzuwerfen. Heute natürlich schon gar nicht, denn Antiquitäten aus längst vergangenen Tagen stehen nicht nur als Familienheiligtum in hohen Ehren, sondern sie haben noch immer ihren Marktwert.
Es ist eine untergegangene Welt, die in den vierundzwanzig Bildern festgehalten ist. Ein wenig befremdlich erscheint uns dieses Sammelsurium heißer Kinderwünsche von damals. Wir haben für diese seltsame Mischung von dienstbeflissenen herzigen Englein und martialischen Zinnsoldaten nicht mehr das richtige Organ. Eine ganze Truppenparade von Gewehr schulternden Marschierern durfte bei den Buben nicht fehlen. Hoch zu Ross und Säbel schwingend der General mit flatterndem Helmbusch, gefolgt von Fahnenträgern.
Neben diesem militärischen Überschwang wirken die anderen im Bilde festgehaltenen weihnachtlichen Geschenkartikel recht bescheiden. Daran ändert auch die umfangreiche Lebkuchenkiste nichts, die als erstes unter dem spärlich behangenen Weihnachtsbaum ins Auge fällt. Für diese Art von primitiver Verpackung haben die verwöhnten Leckermäuler von heute nur noch ein verächtliches Naserümpfen übrig.
Für die Mädchen waren Puppen, Kleiderschrank und Puppenküche das begehrteste Spielzeug. Die verschwenderische Kleiderfülle der Zeitmode um die Jahrhundertwende mit ihren Krägelchen und Umhängen findet sich auch in der Garderobe der Püppchen wieder. Hüte mit aufwendigem Aufputz durften ebenfalls nicht fehlen. Als erzieherischer Faktor gehörten Kamm, Schwamm und Bürste in jede Puppenstube.
Als Vorbereitung für die künftige Lebensaufgabe wurde die Puppenküche mit allen Utensilien reichlich ausgestattet, „Schüsseln, Teller für die Suppen und zum Backen eine Pfann’“, dass man für die lieben Puppen auch an Weihnacht kochen kann“, heißt es in einem Begleitvers zu den Kalenderbildern.
Die Welt der Technik fehlt fast ganz. Nur eine Schieneneisenbahn mit Dampflokomotive und vielen Personen- und Güterwagen ließ die künftige Entwicklung ahnen. Natürlich war dieses Spielzeug den Buben vorbehalten. Ebenso das Schaukelpferd mit goldenen Reitersporen.
Für die schöpferische Betätigung gab es immerhin auch schon etwas, nämlich den Malkasten und das Kasperltheater. Damit das Kind mit den Wasserfarben nicht zu verschwenderisch umging, wurde ihm ein malender Engel als Vorbild hingestellt: „Fleißig ist er und gar eifrig, aber sorgsam gibt er acht, dass die Hände und das Kleidchen er mit Farb’ nicht schmutzig macht.“
Dieses Beispiel zeigt, dass schon vor drei Generationen das weihnächtliche Bild verkitscht und verniedlicht wurde. Aber nicht erst in dieser für die Älteren noch überschaubaren Zeit war das so. Die Wurzeln dieser Entwicklung reichen noch viel weiter zurück.
Seit Jahrhunderten hat das Brauchtum die liturgische Bedeutung des Festes mit wildem Rankenwerk überwuchert. Lieder, Spiele, Wünsche und Geschenke haben sich dem wandelbaren Geschmack der jeweiligen Zeitmode angepasst. Dennoch haftet gerade diesem Fest und all seinem Um und An auch etwas zeitlos Beharrendes an.
Längst ehe das Wort Nostalgie in aller Munde war, prägte sich das Weihnachtsfest mit seinem festlichen Aufwand und seiner häuslichen Geschäftigkeit tief in die Erinnerung ein. Es begleitete als stärkster Kindheitseindruck die Menschen bis ins hohe Alter. So „wie es daheim war“, sollte es immer sein.
Ohne diese besondere Art der Vorbereitungen und des Feierns wäre es eben nicht das „richtige Weihnachten“. Dieses heimliche Familienerbe geht bis in die Details der Wunschzettel, bis in das Tabu der Geheimhaltung und bis in die Nuancen des Speiseplans in der Küche.
Die fortgeschrittene Technik hat manche liebe alte Gewohnheit verdrängt. Das Plätzchenbacken in chromblitzenden Komfortküchen hat wenig mehr vom Zauber und von der Aufregung an Urgroßmutters Kohleherd an sich mit der mühsam auf die richtige Backhitze gebrachten Glut und dem Knistern der nachgeschürten Scheiter.
Der Duft der Bratäpfel im Mittelfach der hohen Kachelöfen in den einstigen Wohnstuben ist längst verflogen. Man erzählt höchstens noch davon.
Ludwig Hochreiter